
Titelbild von "Punkdaemonium - Magie und Chaos in den 90ern" © 2007 by Axel M. Gruner. Das Cover verwendet ein altes Bandfoto des Autoren und einen Ausschnitt aus einem Mandelbrotfraktal zur Illustration des Themenkomplexes.

Drei sind die Kinder, die Pontos, der Urgott des Meeres zeugte:
Nereus ist der alte Mann der See, Herr über den Fischreichtum, der an der Seite seines Weibes Doris und seinen 50 Töchtern, den hilfebringenden Nereiden, in einer silbernen Höhle der Tiefe der Ägais herrschte. Er ist der Weise des Meeres, ein Gestaltwandler und Prophet, der die Zukunft vorhersagen kann, ein alter Mann mit einem hölzernen Stab, umgeben von einer Schaar seiner Töchter, ein sich ringelnder Fischschwanz anstelle der Beine. Die Nereiden sind schöne Jungfern, umgeben von Delphinen, oder auf ihnen oder den heiligen Hippokampoi reitend, die Schiffern und Fischern hilfreich zur Seite stehen können. Und war Nereus nicht vielleicht auch der Vater jenes mysteriösen Menschengottes Glaucos mit der blauen Haut und dem kupfergrünen Haar?
Der grosse Thaumas (Wunder) ist der alte Mann, der über die Wunder der See gebietet. Sein Weib ist Elektra, die bernsteinfarbene Wolke, seine Töchter Iris, der Regenbogen, und die Wirbelwinde oder Harpyien: Aellopous, Celaeno, und Ocypete.
Der stolze Phorkys (Robbe) ist der Gott, der über die Tiefen des Meeres herrscht: Zusammen mit seinem Weib Keto (Wal) zeugte er die schrecklichen Gottungeheuer der Meere: Skylla die Krabbe; die flinke Thoosa, Mutter der Kyklopen; den starkströmenden Ladon, die hundertköpfige Seeschlange; die drachenartige Viper Echidna, die über die übelriechenden und giftigen Gewässer herrschte; die grauen Graien des Meeresschaumes, und die schrecklichen Gorgonen, deren versteinernder Blick tödliche Felsen und verborgene Riffe schuf. Phorkys ist grauhaarig und mit einem Fischschwanz versehen, mit krabbenartiger spitziger Haut und krabbenartigen Vorderbeinen. Sein Attribut ist eine Fackel.
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Freundlicher sind die Kinder des Poseidon und der Amphitrite: Triton, der Meereskentaur, der beständig auf seinem Muschelhorne bläst, das Meer aufwühlend. Auch er ist ein göttliches Mischwesen: Sein Oberkörper ist der eines Menschen mit den Vorderbeinen des seinem Vater heiligen Pferd, sein Unterkörper ähnelt jedoch einem Delphin.
Tritons Schwester Benthesikyme, so sagt man, heiratete den König von Äthiopien, obwohl sie eine Unsterbliche war, der ihr Vater die Gabe zu prophezeien, und auf dem Wasser zu gehen, verliehen hatte.
Die andere Schwester des Triton war Rhode, die den Sonnengott Helios heiratete und nach der die berühmte Insel benannt ist – die Nymphengöttin des Lichtes und der Feuchtigkeit, die ebenso wie ihre Verwandten den Schiffer aus der Not erretten oder ihn im aufgewühlten Meeer zugrunde gehen lassen konnte. Sie begleitete ihren Gemahl auf seinem Wagen, so dass auch bei ihrem Namen in der ganzen Ägais heilige Eide geschworen wurden.
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Die Telchinen, so sagte man, waren vier mysteriöse Magier-Schmiede und Seedämonen an den Inseln von Keos und Rhodos. Sie erfanden die Kunst der Metallurgie und erschufen die Sichel, mit der Kronos seinen Vater Ouranos kastrierte und später den magischen Dreizack, mit dem Poseidon Erdbeben hervorrufen konnte und Berge in die See warf, um Inseln zu erschaffen. Diese seltsamen Seedämonen wurden manchmal beschrieben als mit den Köpfen von Hunden und Fischflossen anstelle von Händen. Die Namen von zwei von ihnen waren Damnameneus und Skelmis.
Der Name des Zauberers Tezcatl ist abgeleitet von der alten Gottheit Tezcatlipoca, der Geist der Dunkelheit, dem Herren der Nacht und des Nordens, der Hexerei und des Raubes, der Zwietracht und des Krieges. Sein Name bedeutete „Rauchender Spiegel“ – es ist dieser Rauchende Spiegel, der der Quell und Garant von Tezcatls finsterer Macht ist.
Der Name des Spiegels ist Itlachiayaque oder „Der Ort von dem er zusieht“, und er ist in beständigen schwarzen Rauch gehüllt. Der Rauchende Spiegel sieht alles und tötet alle Feinde, er sucht die Sünder mit Armut und Krankheit heim und belohnt die Tugendhaften mit Reichtum und Ruhm. Wie die Welt böse ist, ist auch der Gott des Bösen einer der Herren der Welt: Der Schwarze Tezcatlipoca, so sagt man, ist der Schatten des Weissen Tezcatlipoca (Quetzalcoatl) – sie sind die Herren der Dualität, zwischen ihnen ist die Welt aufgeteilt.
Tezcatlipoca wurde als unheimliche Gestalt dargestellt, sein Gesicht unkenntlich gemacht von einem schwarzen Streifen Kriegsfarbe, sein rechter Fuß, den er sich an den Toren der Unterwelt abgeklemmt hatte, ersetzt durch den namensgebenden schwarzen Obsidianspiegel. Welchen Namen der Gott trug, bevor er verstümmelt wurde, ist nicht überliefert. Aber er wird auch durch andere Namen beschrieben: Yohualli Eecatl (Nachtwind), Necocyaotl (Der Zwist auf beiden Seiten sät), Tloque Nahuaque (Herr das Nahen und Nähsten), Ipalnemoani (Er durch den wir leben) und Titlacauan (Wir sind seine Sklaven).
In anderen Darstellungen trägt er den Rauchenden Spiegel auf der Brust – sein abgetrennter Fuß wird hier durch einen Hirschhuf ersetzt, um seine unheimliche Behendigkeit zu betonen.
Er ist der Geist der Dunkelheit, er gebietet über die Dunkelheit des Schicksals, sein Totem ist der Jaguar inmitten des nachtdunklen Waldes.
Rahmen: Bei der vollkommenen Umarbeitung meiner Arullu-Geschichten [ja, auch mit der Geographie der Sterbenden Erde bin ich nicht mehr so zufrieden…] habe ich drei Kurzgeschichten wieder ausgegraben, die ich hier die Haimeergeschichten nennen möchte, da sie alle an und unter diesem Gewässer und dem benachbarten Land Mech spielen. (Nicht Mexé, wie ich irrtümlich in Erinnerung hatte – wie gesagt bin ich mit der Geographie auch nicht mehr so zufrieden.) Jede der Geschichten für sich ist gerade noch so zu ertragen, zusammen fällt leiden sie darunter, dass die Katastrophe wie immer das Ziel ist und es einfach kein Happy End gibt. Das typische Dilemma der typischen Weird Tale. Ich hatte die vage Idee, aus diesen drei eher faden Geschichten eine neue und auch für mich interessantere zu schaffen.
Vorgehen: Ausgehend von der Hauptfigur der drei Geschichten - einem unsterblichen Hexer namens Tezcatl, der unter dem Haimeer lebt – machte ich mich daran, die Szenerie weiter zu entwickeln, in der festen Überzeugung, dass sich hier schnell eine weitere interessante Geschichte herausschälen wird. Schwerpunktthema waren hier a) der dem Hexer den Namen verleihende Tezcatlipoca und andere Aspekte der aztekischen Mythologie, und b) Götter und Kreaturen des Meeres, um den das Haimeer bewohnenden Wesen einen soliden Stammbaum zu schaffen.
Kontext: So machte sich einer der ältesten und schrecklichsten Magier jener Zeit, der einäugige Tezcatl von Mech bereit, sein Vermögen an wertvollen Steinen und angstvollen Weistümern ferner Sterne vor dem grimmen Zugriff der Zukunft in Sicherheit zu bringen. Machtvoll war der Alte, und auf sein Geheiß erschufen hundert schwarze Geister eine große Galeere aus rauchigem Glas und beluden sie mit den Schätzen Tezcatls, des Mächtigen, von dem man noch nach Jahrhunderten in Mech raunte, er sei einer der wenigen gewesen, die die schroffen Zinnen der Höllenzitadelle Gartangur lebend wieder verlassen hatten.